Artikel vom 08.12.2020

Bankgeheimnis: SCHUFA®* will auf Konten zugreifen



Kredit erhalten, eine Wohnung mieten oder einen Handyvertrag abschließen? Selten ohne SCHUFA®*-Selbstauskunft, akzeptable Bonität - und, geht es nach Deutschlands größter Wirtschaftsauskunftei, nicht ohne vorherigen Blick aufs Konto. Check Now heißt das neue Projekt der SCHUFA®*, das die Zahlungsfähigkeit anhand von Kontoauszügen einzuschätzen will. Was steckt dahinter?

Telefonanbieter testet SCHUFA®* Check Now

Die SCHUFA®* Holding AG (Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung) lebt davon, mit Bonitätsinformationen zu derzeit 67,9 Millionen Bundesbürgern zu handeln. SCHUFA®* Check Now verspricht nun allen, die durch einen schlechtem SCHUFA®*-Score durchs Raster fallen, eine zweite Chance - durch eine weitere Prüfung. Dazu startete die SCHUFA®* einen Testlauf mit Telefónica/O2: Sind Kunden bereit, ihre Kontodaten für zwölf Monate speichern zu lassen? Die Testkandidaten: Potenzielle Neukunden mit geringer Chance auf einen Handyvertrag.

Datenspende? Erst Häkchen setzen, dann Service nutzen

Wer weiß: Vielleicht ist die Bonitätsweste doch reiner, als es der SCHUFA®*-Score vermuten lässt? Ist das Risiko geringer als gedacht, soll die Chance auf einen Telefonvertrag steigen. Wie funktioniert das? Wer im Rahmen seines O2-Vertragswunsches freiwillig eine kleine Box anklickt, erteilt mit dieser "Datenspende" die Erlaubnis, die Kontoauszüge einzusehen. Hellhörig werden lässt eine Bemerkung einer SCHUFA®*-Mitarbeiterin. Auf einem Meeting der Kreditwirtschaft von einem Sparkassenvertreter auf den Datenschutz angesprochen, erklärte diese: Verbraucher seien "faul und bequem". Sie würden sich daher einfach "durchklicken", um in den Genuss des gewünschten Services zu kommen.

Rechtlich wasserdicht? Finanzdienstleister zur Kontoabfrage zwischengeschaltet

Um ihr Projekt auf den Weg zu bringen, kaufte die SCHUFA®* bereits 2018 den Finanzdienstleister Finapi. Das Start-up aus München besitzt eine Lizenz der Finanzaufsicht Bafin für das Lesen von Girokonten. Finapi hat laut SCHUFA®* Zugang zu aktuell 58 Millionen Endkunden-Konten. Was ist die Grundidee von SCHUFA®* Check Now? Die fortlaufende Kontoeinsicht und regelmäßige Speicherung entsprechender Daten. So lassen sich bei jeder Anfrage Kontoführungsscores und Affinitätsscores berechnen. Auf Deutsch: Check Now tritt an, die Vorlieben der Verbraucher zu bewerten. Seit dem 4. November 2020 ist die Website des Projekts online. Den zuständigen Bayerischen Landesdatenschutzbeauftragten informierte man darüber allerdings erst im Nachhinein.

Im Fokus: Kategorien von Gehalt bis Glücksspiel

Für die Kontoabfrage hat die SCHUFA®* zwölf Kategorien und 65 Unterkategorien festgelegt. Dabei interessiert sich die SCHUFA®* für:

- Gehaltszahlungen
- Unterhaltsleistungen
- staatliche Leistungen
- Ausgaben für Heimwerken, Haus und Garten
- Kosten für Versicherungen
- Energiekosten wie Strom und Gas

Zu so genannten Risikofaktoren, die Handy- oder Versicherungsverträge verhindern könnten, gehören neben Zahlungen an Inkassofirmen auch Glücksspiel-Aktivitäten.

Kommt der gläserne Verbraucher?

Was sie zwölf Monate lang mit diesen Daten macht, verrät die SCHUFA®* nicht. Und betont, man speichere nur Kontodaten, die für Bonitätsbewertung und Betrugsbekämpfung wichtig seien. So verhindere die freiwillige Datenspeicherung, dass Dritte Zugriff auf ein Konto erhielten. Inakzeptabel für den Bundesverband der Verbraucherzentralen: Dieser spricht von Kontoschnüffelei - und prüft derzeit rechtliche Schritte, falls Check Now nach der Testphase etabliert werden soll. Denn die derart tiefe Datenauswertung lasse Rückschlüsse auf Persönlichkeit, wirtschaftliche Situation und politische Orientierung zu. Auch der Blick auf sensible Gesundheitsdaten sei unzulässig. Wo sich Check Now detailgenauen Einblick in Millionen von Kontoauszügen verschaffe, seien ein Superscore sowie lückenlose Persönlichkeitsprofile nicht weit.

SCHUFA®* als Datentreuhänder

Bis dato verfügt die SCHUFA®* über keine Einkommens- und Vermögensinformationen, sondern speichert nur Kontenzahl, abbezahlte Kredite oder geschlossene Mobilfunkverträge. Wie viel Geld jemand auf dem Konto hat und was er damit macht, entzieht sich der Kenntnis der Auskunftei - bisher. Die SCHUFA®* verteidigt den neuen Schritt: Das Verfahren sei in Europa durchaus üblich. Dabei sieht man sich selbst als neutrale Instanz, die treuhänderisch Daten sammelt - rechtlich gedeckt durch die EU-Zahlungsdienstrichtlinie PSD2. Neben US-Firmen nutzen auch deutsche Fintechs die Option der Konteneinsicht für Drittanbieter - Zustimmung des Kunden vorausgesetzt. Für die Datenverarbeitung von Kontoauszügen ist lediglich Voraussetzung, dass der Verbraucher seine Einwilligung getrennt von der eigentlichen Dienstleistung gibt.

Immer öfter: Bonitätscheck per Konteneinsicht

Richtig ist, dass US-Prepaid-Kreditkarten wie Credit Builder einen Kreditscore durchaus pushen können. 200.000 Teilnehmer einer einjährigen Testphase konnten ihren Kreditscore angeblich um 30 Punkte verbessern. Mehr noch: 95 Prozent der zuvor nicht kreditwürdigen Testkandidaten hätten durch Credit Builder eine Bonität aufgebaut - zum ersten Mal im Leben überhaupt. Richtig ist auch, dass Kontoeinsicht als Bonitätscheck auch bei uns immer öfter vorkommt. Kredit suchen und finden über Portale wie Finanzcheck oder Smava? Bitte Häkchen setzen und Konto freigeben, damit das Portal den passenden Kredit vorschlagen kann - freiwillig natürlich. Die anschließende Bonitätsanalyse ist dann Sache von Start-ups wie Bonify - oder der SCHUFA®*-Tochter Finapi.

Zustimmungszwang hebelt Wahlfreiheit aus

Was die EU-Zahlungsdienstrichtlinie PSD2 leider nicht festschreibt, ist der Rahmen, indem die so eruierten Daten weiterverarbeitet werden dürfen. Kritiker meinen, Verbraucher würden unter Vorspiel von Kundennutzen und -sicherheit zu einer konkurrenzlos umfassenden Herausgabe ihrer Daten genötigt. Daten, deren Nutzung rein wirtschaftlichen Interessen diene, ohne dass der Datenspender verstehe, was mit seinen Daten geschieht, so das Bundesjustizministerium. Außerdem hat die SCHUFA®* auch auf Daten Dritter, die im Kontoauszug erscheinen, Zugriff. Auch der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Stephan Thomae sieht für Bürger, die das entscheidende Häkchen nicht setzen, erhebliche Nachteile: Wenn es ohne Okay zur Datenverarbeitung keinen Handy- oder Mietvertrag mehr gäbe, sei die Wahlfreiheit ausgehebelt.

Transparenz gefordert

Derzeit prüft das Bayerische Landesamt für Datenschutzaufsicht die Zulässigkeit von Check Now: Nur, wer wisse, welche Daten das Scoring wie beeinflussten, könne gut informiert entscheiden, ob er sein Konto mit dem Ziel der Bonitätsoptimierung freigeben wolle. Eine denkbare Option, sollte dies funktionieren. Schließlich gilt der derzeitige SCHUFA®*-Score als fehleranfällig, oft ist die angeforderte Selbstauskunft mit unrichtigen oder veralteten Eintragungen gespickt! Telefónica/O2 haben den SCHUFA®*-Test übrigens inzwischen abgebrochen: Check Now habe die Erwartungen des Konzerns leider nicht erfüllt, so die offizielle Begründung.

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