Artikel vom 24.03.2021

Privatadressen verkaufen: Was dürfen Adresshändler?



Mit Verbraucher-Daten handeln - ein einträgliches Geschäftsmodell. Ob Deutschland, Schweiz oder Österreich, immer wieder rufen Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Adresshandels Datenschutzbehörden auf den Plan - wie aktuell im Fall von AZ Direct. Ahnen Sie, was andere über Sie wissen? Und welche Wege Ihre Adressdaten nehmen?

Adresshändler AZ Direct: Anschriften unerlaubt verkauft?

Adresshändler leben davon, Adressen zu sammeln und lukrativ weiter zu verkaufen - wie die zu Bertelsmann gehörende AZ Direct. Doch ist deren Vorgehensweise datenschutzrechtlich wasserdicht? In Österreich haben Datenschützer von NOYB jetzt Zweifel daran. Der konkrete Vorwurf: AZ Direct soll die Anschriften von Millionen Verbrauchern ohne Zustimmung an die Kreditauskunftei CRIF veräußert haben. Ist es verboten, Kontaktinformationen zusammenzutragen und zum Kauf anzubieten? Nein - weder in Deutschland noch Österreich braucht es dazu eine Einwilligung. Vorausgesetzt, die Daten werden nur für Direktmarketing genutzt.

Scores auf Adressenbasis berechnen - zustimmungspflichtig

Anders im vorliegenden Beschwerdefall - wie herauskam, hatte CRIF die persönlichen Daten zur Berechnung von Scores eingesetzt: Wie kreditwürdig ist der Verbraucher hinter diesem Namen? Ein klarer Verstoß gegen das Gebot der Zweckbindung der DSGVO. Weil jeder Verbraucher selbst über den Verwendungszweck seiner Daten entscheidet - bevor diese weiterverarbeitet werden! Während es für die Nutzung im Direktmarketing keine explizite Zustimmung braucht, ist dies bei Bewertungen der Bonität sehr wohl der Fall. Zwei unterschiedliche Zwecke, die also zu trennen sind.

Datensammlung erst durch Antrag auf Selbstauskunft enthüllt

Trotzdem stammt das Gros der Daten im Besitz von Kreditauskunfteien widerrechtlich von Adressverlagen. Wie ist das möglich? Durch intransparentes Vorgehen, hinter dem Rücken nichtsahnender Betroffener. Wo kein Kläger, da kein Richter: Beschweren kann sich nur, wer einen Verdacht hat. Nur, wer einen Antrag auf Selbstauskunft stellt, kann erfahren, dass seine Daten gesammelt werden. Nur, weil der betreffende Österreicher eine Bitte um Selbstauskunft an die Auskunftei CRIF richtete, wurde der aktuelle Fall überhaupt öffentlich. CRIF antwortete, man habe Name, Geburtsdatum und mehrere Wohnadressen gespeichert. Die Datenquelle? Der Adressverlag AZ Direct. Dass Bonitätsscores berechnet wurden, ließ sich der Selbstauskunft ebenfalls entnehmen. Die DSGVO ist hier sehr eindeutig: Bürger sind in solchen Fällen zu informieren.

Adressen und Bonitätsprüfungen essenziell für den Online-Handel?

Mithilfe der Prüfung von Identität und Bonität sicher zu wissen, wer wer ist, bremst Betrüger aus. Kreditauskunfteien treten an, die entsprechende Dienstleistung zu liefern. Unverzichtbar, argumentieren Adresshändler, besonders beim Kauf auf Rechnung. Was sie verschweigen: Welche Zahlungsart ich als Händler einräume, ist mein Ermessen und daher freiwillig. Außerdem existieren andere effektive Strategien der Authentifizierung, wie sie Zahlungsdienstleister längst anwenden - ob Zahlung per Handy oder Kreditkarte. Auch SEPA-Lastschrift oder Paypal-Käuferschutz bieten Barrieren gegen den beklagten Missbrauch. CRIF verweist derweil darauf, Verbraucher über seine Datenschutzerklärung transparent zu informieren.

Seit 2015: Meldedaten an Adresshändler nicht ohne Okay

Seit dem 1. November 2015 will ein neues Meldegesetz den Handel mit Adressen und persönlichen Profilen eindämmen - ob in Deutschland, der Schweiz oder Österreich. Veränderte Regeln, die besagen, dass Auskünfte aus öffentlichen Melderegistern - anders als aus privatwirtschaftlichen Quellen - nur mit Zustimmung an den Adresshandel weiterzureichen sind. Neu ist, dass sämtliche Meldedaten aller Bundesländer in einer zentralen Online-Datenbank gespeichert sind. Das Problem: Jeder darf seine Zustimmung nicht nur der Meldebehörde geben, sondern auch Werbungtreibenden. Was tun, wenn ein Adresshändler gegenüber dem Amt behauptet, er habe die Erlaubnis eines bestimmten Einwohners zur Abfrage seiner Meldedaten? Allein dies genügt, um die gewünschte Auskunft zu erhalten. Denn ob solche Einwilligungen wirklich vorliegen, müssen Meldebehörden nicht in jedem Einzelfall, sondern nur stichprobenartig prüfen. Gewusst? Auch Parteien greifen für Wahlkampfzwecke ungefragt auf Ihre Meldedaten zu.

Zielgruppe "Tierfreund": Adresse an Spendenorganisationen vermietet

Versagen solche Prüfungen, gelangen seither sowohl Adresshändler als auch Privatleute einfacher denn je an Bürgerdaten. Und anders als früher ist gegen solche automatisierten Melderegisterauskünfte kein Widerspruch mehr möglich. Was für Überraschungen sorgt - wie im Fall einer Dame aus Luzern. Diese fang zufällig heraus, dass die Zweigstelle der AZ Direct in Cham ihre Adresse "vermietet" hatte. Im Briefkasten der Schweizerin hatte sich Werbepost von Spendenorganisationen getürmt - alles im Rahmen zielgerichteten Direktmarketings. Bei Anbietern wie AZ Direct ist es längst Standard, Adressaten punktgenau nach Einkommenshöhe, Berufsausbildung oder Zahl der Kinder aus der Datenbank AZ Data World auszuwählen. Der Adresshändler wirbt explizit mit über "200 Merkmalen zur Eingrenzung Ihrer Wunschzielgruppe" - darunter auch gebefreudige Tierfreunde wie die Schweizer Bürgerin. Etwas, das leider regelkonform ist - wie der eidgenossische Beauftragte für Datenschutz- und Öffentlichkeit (EDÖB) und der Schweizer Konsumentenschutz bestätigen.

Und wenn Sie keine Direktmarketing-Post möchten?

Lassen Sie sich in die so genannte Robinsonliste eintragen. In der Schweiz halten sich Unternehmen des Direktmarketingverbands in der Regel daran, will der EDÖB wissen. Aber wenden Sie sich auch mit einer Bitte um Selbstauskunft gem. §34 BDSG an die jeweiligen Adresshändler - um zu erfahren, woher diese Ihre Daten haben. AZ Direct antwortet darauf leider oft erst nach Mahnung. Wer eine Sperrung erreicht, stoppt auch die Werbebriefflut im Postkasten. Trotzdem bleibt ein gewisses Geschmäckle: Steht das Recht auf Direktmarketing über dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung? Legal ist Adresshandel sicher. Aber als Verbraucher nicht zu wissen, dass Unternehmen wie AZ Direct so mit Daten umgehen, dass sie die Bonität beeinflussen? Ein eher ungutes Gefühl.

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